Reisen im Laufe der Zeit

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass das traditionell richtige Reisen in der heutigen Zeit einen geringeren Stellenwert einnimmt als noch vor 200 Jahren. Das überrascht einerseits, denn es ist offensichtlich, dass Reisen heute wesentlich einfacher und bequemer zu unternehmen sind als noch zu früheren Zeiten.

Man denke nur daran, dass eine Reise früher von den wohlhabenden mit der Pferdekutsche und von den armen Menschen zu Fuß unternommen wurde. Reisen war häufig verbunden mit Gefahren und nicht selten kehrten die Reisenden nicht mehr zurück, weil Sie unterwegs überfallen und ausgeraubt oder krank wurden und starben.

Auf der anderen Seite hat man sich damals die Zeit genommen, die eine Reise brauchte. Wer kann sich heute schon vorstellen, sich für eine Reise durch Italien fast zwei Jahre Zeit zu gönnen, so wie Goethe dies vom September 1786 bis zum Mai 1788 tat? Wer kann sich heute vorstellen ohne viel Geld eine Reise anzutreten, ohne zu wissen wohin es einen verschlägt und ob oder wann man wieder kommt?

Heute ist das Reisen entweder privater Luxus oder geschäftliche Notwendigkeit. Das „auf die Walz“ gehen der Handwerker – Gesellen bildet da eine schöne Ausnahme. Traditionell nehmen sich diese jungen Menschen nach Abschluss ihrer Ausbildung drei Jahre und einen Tag Zeit, außerhalb eines 50 km – Radius ihres Heimatortes, ihr handwerkliches Wissen zu vervollkommnen sowie neue Techniken und Fähigkeiten zu erlernen. In diesem Rahmen werden fremde Orte und Länder besucht und die Wanderung soll auch dazu dienen, die Verständigung zwischen den Völkern zu fördern. Die Gesellen bereiteten sich in diesem Sinne mit ihrer Wanderung auf ihren weiteren Lebensweg vor.

In vielen anderen Berufszweigen ist das Reisen ebenfalls zur Notwendigkeit geworden und oftmals ist es zur Förderung der Karriere auch notwendig für einen begrenzten Zeitraum an einen anderen Ort umzuziehen, um dort zu arbeiten. Auch hiermit wird in gewisser Weise die Erweiterung des eigenen Erfahrungshorizontes verfolgt, was ja das ursprüngliche Reisen ausmacht. Jedoch steht nicht selten im Vordergrund der Reise, die eigene Karriere zu fördern. Der Entdeckung der Kultur, der Beschäftigung mit der Geschichte und der Wahrnehmung der Stimmung eines fremden Ortes kommen bei diesen geschäftlichen Reisen häufig weniger Bedeutung zu. In der heutigen Zeit der Globalisierung ist für diese Entdeckungen oft kein Raum mehr vorhanden. Es werden (von den Industrienationen bzw. internationalen Wirtschaftsunternehmen) häufig Standards an kulturell eigentlich völlig verschiedenen Orten der Welt gesetzt, um eine vereinfachte und schnell fruchtbare Zusammenarbeit sozial und kulturell unterschiedlich geprägter Menschen zu gewährleisten. Dadurch verschwimmen die einzelnen Kulturen und gleichen sich immer mehr an. Dies kann auf lange Sicht zur Folge haben, dass die Menschen weniger reisen, um den eigenen Horizont zu erweitern, denn egal wohin man reist, es ist doch irgendwie überall gleich. Eine Reise wird dann möglicherweise nur noch mit dem Zweck durchgeführt, vom flachen Land ins Gebirge oder von der Wüste ans Meer zu kommen.